Postillon d‘amour

Gelbes Stadtvelo
 

Lieblingsdinge rollen mit dem Cresta Strada City sanfter nach Hause.

Als mich Philipp fragt, wie es mit einem «ganz normalen Velo» wäre, willige ich sofort ein. Oft sind es die ganz normalen Dinge, die zu grossen Herzensangelegenheiten werden. So eroberte der VW Käfer mit 21.5 Millionen Fahrzeugen die halbe Welt. Und viele warten noch heute sehnsüchtig auf einen neuen «Deux cheveaux», ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 Kilometer verbraucht. Stattdessen wirft die Automobilbranche SUVs auf den Markt, die schwerer, breiter, schneller und durstiger sind.

Man kann das Cresta Strada City quasi als Gegenentwurf zu diesen rollenden Monstern verstehen. Seit über 118 Jahren steht die Marke für Vernunft-Velos. Cresta stammt aus dem Rätoromanischen und bedeutet soviel wie «Krete». Heute wird das Familienunternehmen in der vierten Generation geführt und ist sich treu geblieben. Es baut «begreifbare» Velos aus der Schweiz, für die Schweiz und führt dafür nicht nur eine hauseigene Lackiererei, sondern auch ein praktisches Online-Tool, mit dem ein Cresta Velo individualisiert werden kann.

Das Cresta Strada City erinnert mich an Zeiten, in denen der Pöstler Liebesbriefe und Pakete mit einem gelb-schwarzen Post-Velo ausgetragen hat. Auf dem im Sunflower-Gelb und Schwarz gehaltenen Lack prangt stolz das Schweizer Kreuz. Mit diesem Velo hat Cresta eine grundsolide Alltagsbegleiterin gebaut, die so zuverlässig rollt wir die alte Post. Sie verfügt über alles, was man braucht, um komfortabel von A nach B zu kommen: acht wartungsfreie, in der Hinterradnabe verbaute Gänge, eine einfache Felgenbremse, eine Federgabel (!), einen Ständer, Schutzbleche, Scheinwerfer und ein eingebautes Rahmenschloss. Alleine die Bereifung sagt fast alles über dieses Velo aus. Sie stammt von Schwalbe und heisst «Road Cruiser». Der Gummi ist aus nachwachsenden und recycelten Rohstoffen gefertigt. Wer auf diesem Velo entschleunigt, verbessert die Welt.

Ich teste das Velo an einem Julisonntagnachmittag. Mit ihm «cruise» ich beschwingt über Asphaltstrassen und Waldwege nach Kappelen in den Hofladen, mit dem guten Gefühl, das Körbchen auf dem Gepäckträger mit Dingen zu füllen, die man liebt und von denen man lebt. Auf der Rückreise begleiten mich Süsskartoffeln, Kallnacher Linsen, Winterswiler Quinoa und vier Bärner Müntschis. Gemeinsam rollen wir auf dem Cresta so lautlos und sanft nach Hause, dass uns jeder SUV gestohlen bleiben kann. Zuhause gibt es eine Première. Ich schaue erstmals Frauenfussball und werde Zeuge, wie Frauen den Männern den Meister zeigen. Sie tricksen gross und fallen weniger um. Die USA wird Weltmeister. Ihre Teamchefin Megan Rapinoe ist stark und ballert gegen Trump. Im Gepäck hat sie vieles, was sie liebt und wovon sie lebt: Gleichbehandlung und Gleichzahlung. Das «fucking Weisse Haus» wird sie auch als Weltmeisterin solange nicht besuchen, bis dessen Bewohner für Gleichheit einstehen. Rapinoe hat viel Gutes im Gepäck. Sie müsste das Strada City fahren. Mit diesem Postillon d’amour bringt sie mit etwas Glück auch ein Bärner Müntschi nach Hause.

Alltagsvelo Cresta Strada City

Rahmen Aluminium
Gewicht 16,8 kg
Reifen Schwalbe Road Cruiser (28 x 1,8 / 700 x 32C)
Schaltung Shimano Nexus, 8 Speed
Bremsen Tektro V-Brake
Preis CHF 1‘497.–

Biketester: Lorenz Schmid, Partner bei in flagranti communications und leidenschaftlicher Velofahrer 

 

 

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